Die Blinden und der Elefant

Der indische Guru Yogananda erzählte einmal ein mittlerweile berühmt gewordenes Gleichnis, um zu veranschaulichen, dass alle Religionen gleich recht haben:

Ein Mann hatte sechs blinde Söhne und einen grossen Elefanten. Letzterer bedurfte auch einiger Pflege, so trug der Vater seinen Buben auf, den Elefanten zu waschen. Das war ein Projekt! Doch schließlich waren sie damit fertig und begannen darüber zu diskutieren, wie das Tier wohl beschaffen sei.

"Sonnenklar", sagte der erste, "der Elefant, das ist ein Paar langer Stangen!" – Er hatte die Stosszähne gewaschen.

"Unsinn", korrigierte der zweite, "er ist vielmehr wie ein dickes Seil." – Er reinigte nämlich den Rüssel.

"Das stimmt doch nicht!" protestiert der dritte, "er ist viel eher wie ein Paar Fächer." – Logisch, er wusch nämlich die Ohren.

"Ein Elefant ist", sagte der vierte langsam und mit Nachdruck, "am ehesten vier Säulen zu vergleichen. Damit das klar ist." – Denn er beschäftigte sich mit den Beinen des Tieres.

"Das kann ich überhaupt nicht bestätigen", widerspricht der fünfte, "mir war es, als stünde ich vor einer schwankenden Mauer." – Er wusch nämlich die Seiten und durch die Atmung wurde ihm dieser Eindruck vermittelt.

"Also ich weiß nicht, was ihr alle miteinander gewaschen habt", ätzte mit zynischem Unterton der letzte der Brüder, "ihr habt mich offenbar den ganzen Elefanten alleine waschen lassen, dieses kleine Stück Schnur, das vom Himmel hängt!" – Er stand beim Hinterteil und wusch den kleinen Schwanz.

Klar, dass die letzte Meldung die Stimmung eskalieren liess. Ein wilder Streit entbrannte, in dem die Brüder einander nichts schuldig blieben.

Das hörte auch der Vater, der sich zu seinen blinden Söhnen gesellte, um sich die Ursache des Streites schildern zu lassen. Da musste er laut lachen! "Kinder, Kinder! Ihr habt natürlich alle recht ... und auch unrecht. Lasst mich erklären, wie der Elefant wirklich ist." Und der Vater erklärte es ihnen und es kehrten Versöhnung und Ruhe ein.

Der Elefant in diesem Gleichnis soll Gott beziehungsweise die Wahrheit darstellen, die blinden Söhne sind die verschiedenen Religionen, die versuchen sich diesem Geheimnis zu nähern. Alle Religionen beinhalten demnach also ein Stückchen Wahrheit, und nur in der Zusammenschau ergibt es ein Ganzes.

Guru Yogananda